Andacht

Die Andacht von Pfr. Dr. Ilgner


Der Narr auf dem Titelblatt, der den Atlas mimt
und die Welt auf seinen Schultern trägt, spielt
natürlich auf die närrische Faschingszeit an. Sie
stellt seit alters den Kontrapunkt zur Fastenzeit
dar. Der Narr mit der Narrenkappe ist eine
ambivalente Person: Er steht einmal für einen
unverbesserlichen Dummkopf. Zugleich steht er
für einen ausgemacht klugen Menschen. Diese
Spannung macht ihn interessant. Sein Treiben
wirft stets die Frage auf: Halt, wie ist das jetzt
zu verstehen? Ist er einfach nur töricht - oder
hintersinnig klug? Meint er die Welt in ihrer
lasterhaften Torheit - oder meint er mich? Die
deutsche Literatur hat für beide Arten des Narren
herrliche Vorbilder geschaffen. Welche von beiden
mag auf dem Titelblatt dargestellt sein?

Mir ist in diesen Tagen das berühmte Narrenschiff
von Sebastian Brandt aus dem Jahre 1494
in die Hand gefallen. Es ist einer der ersten
europäischen Bestseller, schon bald nach seinem
Erscheinen in verschiedene Sprachen übersetzt
und in hunderten Auflagen nachgedruckt. Es ist
auch heute noch eine Freude, darin zu blättern
und zu lesen. Inhaltlich bietet es eine Typologie
von über 100 Narren, die eine Schifffahrt
unternehmen in das fiktive Land Narragonien. Alle
denkbaren menschlichen Laster und Torheiten
werden aufs Korn genommen. Es taucht sogar ein
ganz neuer Heiliger auf. Er heißt Sankt Grobian
und fällt durch unerträgliche Flegeleien auf. Auch
Dinge des christlichen Lebenswandels werden
häufig berührt. Als Kostprobe hier der 11. Narr:
Von Schriftverächtern: Wer jedem Narren glauben
will, / Wovor die Schrift doch warnt so viel, / Der
gehört wohl in ein Narrenspiel. / Der ist ein Narr,
der nicht der Schrift / Will glauben was sein Heil
betrifft, / Und denkt zu leben wie bisher / Als ob
nicht Gott, noch Teufel wär ...“ In der Summe lässt
sich sagen, dass Sebastian Brandt den Narren als
Negativbeispiel ins Feld führt, um uns sorglose
Leser zu entlarven und einen Spiegel vorzuhalten.

Anders ist es mit dem Narren Till Eulenspiegel. Er
taucht fast zeitgleich als Held von allerlei bizarren
Schwänken in der Literatur auf und wird, bis
heute, ebenfalls zum Bestseller. Seine Schwänke
ergeben sich häufig daraus, dass er bildliche
Redewendungen wortwörtlich nimmt und einen
entlarvenden Schabernack treibt. Viele seiner
Schelmereien sind so geartet, dass er denen, die
er narrt, über sich die Augen öffnet.

Wir tun gut daran, in dem, was oberflächlich als
Torheit erscheint, nach dem Klugen zu fragen, das
sich in ihm verbirgt. Ich vermute, wir würden viel
über uns selbst dabei lernen. Vor allem würden
wir lernen, auch über uns selbst zu lachen, z. B.
über unsere Wichtigtuerei oder Engstirnigkeit oder
Verbohrtheit oder Besserwisserei oder Hoffart.
Wir würden uns selbst nicht wichtiger nehmen als
wir sind. Wir sähen auch in uns den Narren, der
versucht die ganze Welt zu schultern, dabei aber
torkelt und strauchelt. Im Lachen über uns selbst
würden wir plötzlich frei werden für die wirklich
ernsten, wichtigen Erkenntnisse des Glaubens, die
den Griechen eine Torheit zu sein schienen und
würden mit dem Apostel Paulus sagen:
Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit
denen, die verloren werden; uns aber, die
wir selig werden; ist‘s eine Gotteskraft. Denn
es steht geschrieben: „Ich will zunichte machen
die Weisheit der Weisen, und den Verstand der
Verständigen will ich verwerfen.“

Ihr Pfarrer Ilgner


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