Andacht von Pfarrer Dr. Ilgner

Die Reformation ist ohne gesungene Lieder nicht vorstellbar. Das weiß jeder. Unter allen Liedern ragt eins hervor, das vom Reformationstag nicht wegzudenken ist: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Das weiß auch jeder.

 

Über die Entstehung und Veranlassung dieses berühmtesten aller Lutherlieder gibt es unzählige Theorien. Richtet es sich gegen die Invasion der Türken, gegen die Anhänger Zwinglis, gegen die Altgläubigen oder gegen die Pest? Jede dieser Thesen ist scharfsinnig vertreten worden; letzte Sicherheit lässt sich nicht gewinnen. Nicht einmal der Zeitpunkt seiner Entstehung ist geklärt: Hat es in dem berühmten verschollenen „Klugschen Gesangbuch“ von 1529 gestanden? Oder sogar schon in dem ebenfalls verlorenen des Johann Weiss von 1528? Der älteste existierende Druck stammt jedenfalls erst von 1540. 

 

Aber es ist auch wirklich ein genialer Wurf in Text und Melodie: stark, trotzig, vorwärtsdrängend, mitreißend und kämpferisch. Heinrich Heine, ein Spötter und Verächter alles Christlichen, hat es die „Marseiller Hymne der Reformation“ genannt und diese Zuschreibung wohl anerkennend gemeint. Ob dieser Vergleich wirklich zutrifft, steht auf einem anderen Blatt. 

 

Jedenfalls findet es sich in nahezu jedem evangelischen Gesangbuch auf der ganzen Welt. In Vertonungen wurde es aufgegriffen von den berühmtesten Komponisten durch alle Jahrhunderte, darunter Walter, Haßler, Schein, Franck, Krieger, Bach, Händel, Mendelssohn, Reger, Wagner, Offenbach und Strauß. Und das sind nur die namhaftesten. 

 

Worin liegt die besondere Kraft dieses Liedes? Es handelt sich um eine Nachdichtung von Psalm 46. Der ist in Luthers Dichtung kongenial eingefangen, zugespitzt und erweitert worden. Und ganz wie im Psalm behält er das Unverwüstlich-Kämpferische bei, ohne den „altbösen Feind“ namentlich zu identifizieren. Darum und nur darum ist das Lied in allen Bedrängnissen der Menschen, der Gemeinde, der Kirche, ja der Christenheit zeitlos geblieben, Quelle der Kraft und Quelle des Trostes. Genau so singen wir es noch heute in den Bedrängnissen, in denen unsere Kirche und die sündige Welt unverändert schweben. Wir singen dieses Lied in allen Strophen, ja selbst auch mit der letzten, so schwer es uns fallen mag. Auch mir stockt die Stimme jedes Mal bei dieser letzten Strophe. Aber es soll gesungen sein, heut wie jemals. Eine Kirche, die wissend diese letzte Strophe zu singen vermag, mit der ist es noch nicht zu Ende. Denn sie zeigt damit, dass sie weiß, was es gilt.