Andacht von Pfarrer Dr. Ilgner

Wer in die Christuskirche tritt, wird gesegnet. Sonst kommt er gar nicht hinein. Denn er muss unter den Händen des Pöppelmannschen Christus hindurch, der das Portal krönt. Seit einiger Zeit ist das Bewusstsein der heilsamen Kraft des Segens in den christlichen Gemeinden wieder gewachsen. Religionssoziologische Befragungen haben ergeben, dass einer Mehrheit von Gottesdienstbesuchern der Schlussegen wichtiger ist als die Predigt.
 
Anregungen von Romano Guardini haben uns im zurückliegenden Kirchenjahr begleitet. Auch dem "Segen" widmet er eine keine Betrachtung (Von heiligen Zeichen, Mainz 1990, S. 63ff.). Sie stehe am Ende dieses Kirchenjahres.
 
"Segnen kann nur Gott. Segnend schaut Gott sein Geschöpf an. Er ruft es beim Namen. Seine allmächtige Liebe richtet sich auf Herz und Wesenskern des Geschöpfes, und aus Gottes Hand strömt die Kraft, die heil und gut, die wachsen macht." Das gilt es als erstes festzuhalten: der Segen entstammt nicht der Vollmacht oder Spezialfähigkeit des Segnenden. Der Mensch bleibt unter allen Umständen nur der Bittende, angewiesen auf eine Gabe, die er weitergeben kann.
 
"Macht zum Segnen kann einer erlangen, der ganz lauter geworden ist; der sich selbst nicht mehr sucht, sondern ganz Diener des Lebendigen sein willl. Immer aber ist es Macht von Gott. Sie versiegt, wennn einer sie aus eigenem zu haben beansprucht. Von Wesen sind wir Bittende."
 
Was aber ist es, das Gott im Segen gewährt? "Was im Segen eigentlich wirkt, ... ist Gottes eigenes Leben. Er segnet mit sich selbst, segnend gibt er sich selbst ... Das aber ist Gnade, uns gegeben in Christus. Der Segen, in dem Gott sich uns schenkt, ist im Zeichen des Kreuzes."
 
Wenn wir von Segenshandlungen reden, denken wir vielleicht vor allem an Gottesdienste, an Taufen, Konfirmationen und Trauungen, in denen der Segen eine ganz hervorragende Rolle spielt. Das ist ja auch richtig und gut so. Wir sollten darüber aber nicht vergessen, dass jeder Christ über diese wunderbare Gabe, zu segnen, verfügt. "Aus dem Geheimnis der Taufe ... heraus wird sie dem gegeben, der 'Gott liebt aus seinem ganzen Herzen, aus seinem ganzen Gemüte und aus allen seinen Kräften, und seinen Nächsten wie sich selbst.' Diesen allen hat Gott die Gewalt gegeben, mit seinem eigenen Leben zu segnen - jedem in verschiedener Weise, nach der Weise seiner Sendung. Seinen Ausdruck findet der Segen durch die Hand, durch ihre Gebärde. Sie legt sich auf das Haupt ..., dass durch sie überströme, was von oben, aus der Macht Gottes kommt. Sie formt das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn, oder über die Gestalt, dass sich durch sie Gottes Fülle ergieße."
 
Ob wir einander in diesem Sinne segnen können, beim Abschied auf eine Reise, bei Krankheit in Schmerz und Unglück, wenn Kinder oder Enkel tagtäglich das Haus verlassen um ihren eigenen Weg zu gehen? Wir können es, wir sollen es tun. Probieren wir es aus. Äußerlich betrachtet ist es eine kleine, harmlose Sache; in Wahrheit aber ein eizigartiges Geschenk: die Vergewisserung der Gegenwart und Nähe Gottes in guten und schlechten Zeiten.